Foto: Andrea Jaeckel-Dobschat

PopRat Saarland, HBKsaar und die deutsche Gig Poster-Bewegung kooperieren im Wintersemester 2016/17 und im Sommersemester 2017 zum Thema „Gig Poster“. Die Studiernden von Professor Ivica Maksimovic werden dazu in einem theoretischen und einem praktischen Semester das Thema „Gig Poster“ behandeln und selbst Gig Poster kreieren.

Gig Poster sind aufwändige, limitierte und handsignierte Druckgrafiken in niedriger Auflage, die ein spezielles Konzert oder Festival auf sehr wertige Art bewerben. In einer Auflage von meist zwischen zehn und 250 Stück präsentieren Gig Poster ein spezielles Konzert mit Bandnamen, Spielstätte und Datum des Konzerts mittels einer von einem Künstler oder Kunst- beziehungsweise Designstudierenden kreierten, meist sehr anspruchsvollen Vielfarb-Lithografie. Dabei ist der Künstler oder Kunst-Student, immer nach Absprache mit der Band, nicht an das Band-eigene Corporate Design oder das des Labels oder der Agentur der Band gebunden, sondern gestaltet eine besondere, ureigene Optik. Die aus dieser Kunst-Art entstandene Bewegung, die Gig Poster-Bewegung, die mittlerweile weltweit Künstler und Kunststudenten vereint, stammt aus der DIY-Bewegung (Do it yourself!) des amerikanischen Punk und Hardcore. Diese Bewegung wollte sich frei machen von den Vorgaben, Gängeleien und Diktaten der Musikindustrie und verlegte sich darauf, von den Aufnahmen und dem Tonträger über die Cover-Art und die Gig Poster-Art bis hin zum Vertrieb alles selbst in die Hand zu nehmen, um unabhängig zu sein von der alles dominierenden Musikwirtschaft. Als wichtigste Beispiele mögen die Szenen um die beiden amerikanischen Independent-Underground-Punk-Hardcore-Labels „Alternative Tentacles“ (Jello Biafra von den Dead Kennedys; San Francisco) und „Dischord“ (Ian MacKaye von Fugazi, Arlington/Washington D.C.) dienen. Die Bewegung schwappte durch die weltweiten Tourneen der Bands, aber auch getragen durch Verkaufs- und Vertriebsmöglichkeiten im Internet, in viele andere Länder rund um den Äquator; sie gelangte auch nach Deutschland, wo Alexander Hanke (Zum Heimathafen, Hamburg) einer der Macher und Antreiber der Gig Poster-Szene ist.

Hanke führt als Vertreter der Gig Poster-Szene die Studierenden der HBKsaar auch in die Thematik ein.

Es sind oft ganz wunderbare Art Works, die da – ganz frei von der üblichen Band-Optik – durch die kreative Arbeit der Gig Poster-Künstler entstehen. In Deutschland gibt es starke Gig Poster-Szenen in Hamburg, Berlin und Leipzig. Diese organisieren sich regelmäßig in gemeinsamen Ausstellungen, die an größere Festivals in Europa, etwa das „Primavera“ in Barcelona, angedockt werden. Die amerikanische Mutter dieser Ausstellungen ist die „Flatstock“, die in den USA beispielsweise beim „SXSW“-Festival in Austin, beim „Pitchfork“-Festival in Chicago oder beim „Bumbershoot“-Festival in Seattle zu sehen ist. Jetzt freue ich mich drauf, den Studierenden an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken den besonderen Geist dieser Bewegung, ihre Idee, ihre Regeln, näher zu bringen und mit ihnen zu arbeiten. In der Hoffnung, dass die gemeinsame Arbeit dort Wertschätzung und Nachhaltigkeit erfährt“, sagte Hanke.

Wir haben als PopRat Saarland diese Kooperation mit der zweisemestrigen Arbeit in der HBKsaar und der darauf folgenden Ausstellung in der Galerie Neuheisel anlässlich des Pop-Festivals „Colours of Pop“ im Oktober kommenden Jahres aus vier Gründen angeschoben: Um 1. dieser kostbaren Bewegung mit ihren Ansätzen jenseits des Gebrauchsdesigns und jenseits der digitalen Pop-Welten, diesem wunderbaren und wertvollen Old School-Independent-Gedanken von limitierten Kostbarkeiten im Saarland eine Bühne zu geben, 2. um in einer ersten Kooperation mit der HBKsaar erstmals ein gemeinsames Pop-Projekt auszuprobieren und die Studenten mit dem PopRat und seinen Ideen zu konfrontieren, 3. den weißen Fleck, den das Saarland für die weltweite Gig Poster-Bewegung immer noch darstellt, bunt und ästhetisch anspruchsvoll zu bedrucken und 4. eine Nachhaltigkeit in Sachen Gig Poster-Bewegung unter den Kunst- und Designstudierenden sowie den Künstlern im Saarland zu schaffen. Am Ende steht eine Ausstellung der HBKsaar-Werke zum „Colours of Pop“ in der Galerie Neuheisel, die zugleich den Anfang einer saarländischen Gig Poster-Bewegung markieren soll. Außerdem behauptet diese Szene mit ihren weltweit vielen freien Denkern und Kreativen einen herrlichen, haptischen, gegenständlichen Kontrapunkt zur totalen Digitalisierung des Pop. Ja, man kann diese Pop-Produkte auch anfassen!“, sagte der Initiator der Idee, PopRat-Vorsitzender Peter Meyer.

Das Thema Poster behandeln wir in der HBKsaar vornehmlich im Bereich Kommunikationsdesign. Deshalb reizt es uns sehr, dass gerade diese spezielle Pop-Bewegung uns mahnt und an die Hand nimmt, zur Anfangsidee des Konzertplakats zurückzukehren: dem Poster als Kunstwerk und Teil der Band-Art. Dank der Gig Poster-Bewegung erhalten die Plakate diese Wertigkeit wieder. Außerdem mag die Schaffung von anspruchsvollen Gig Poster sowohl für unsere Studierenden als auch für unsere Absolventen Möglichkeiten bieten mit ihren kreativen Fähigkeiten Geld zu verdienen und sich dabei bezüglich Auftraggeber und Kundschaft auch noch permanent in einem spannenden, kreativen Umfeld zu bewegen“, sagte Ivica Maksimonvic, Professor für Kommunikationsdesign und Werbung und ehemaliger Rektor der HBKsaar.

Ich freue mich, dass der PopRat zusammen mit unserer renommierten Kunsthochschule dieses Thema ins „Colors of Pop“ einbringt. Von Anfang an war die Geschichte der Bands in aller Welt nie ohne die Geschichte ihres Art Works, auch ihrer Konzertplakate, denkbar. Stets in der Popgeschichte ergaben Optik und Akustik zusammen erst ein Gefühl für das Wesen einer Band, ihrer Musik und ihrem Geist. Die „Gig Poster“-Ausstellung der HBKsaar-Studierenden wird das „Colours of Pop“ bereichern und eine wichtige Nische der Popkultur erlebbar machen, und sie wird einen Spot auf die Kunstszene des Saarlandes und die Künstlerinnen und Künstler der HBKsaar werfen“, sagte PopRat Thilo Ziegler, Festivalleiter von „Colors of Pop“.

Und PopRat Benjamin Knur, Inhaber der Galerie Neuheisel, ergänzte: „Ein wunderbares Puzzleteil für das „Colors of Pop“, aber auch eine wunderbare Ergänzung meines zeitgenössischen, im eigentlichen Wortsinn also pop-orientierten Programms in der Galerie. Gerade Urban Art und die DIY-Gig Poster-Bewegung entspringen demselben Geist: sich über die Kunst Räume zurück zu erobern, die lange Zeit von der Industrie, der Großwirtschaft, dem Establishment besetzt waren – und das mit ästhetisch höchsten Ansprüchen.“