Antworten des PopRates Saarland auf die Fragen von Journalist Uwe Loebens

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Hier die Antworten des PopRates Saarland auf die Fragen von Journalist Uwe Loebens für die „Wir im Saarland – Kultur“-Sendung des SR Fernsehens vom 24. Juni 2020. Von Loebens vorgegebenes Thema der Sendung war: „Unterstützung der Kultur in Coronazeiten durch die Landeshauptstadt Saarbrücken“. Loebens hat genau einen Satz aus unserer ausführlichen Antwort für den Beitrag benutzt. Das gibt unserer Meinung nach nicht ansatzweise das Gesamtbild wieder, das wir durch unsere ausführliche Antwort vermitteln wollten. Deshalb hier die gesamte Antwort:

 

  1. Wie schätzen Sie die Situation der von Ihnen vertretenen Popkultur im Saarland in der noch andauernden Corona-Krise und die Folgen nach Abklingen der Pandemie ein?

 

Die Lage der nicht bei staatlichen oder öffentlichen Kulturinstitutionen angestellten Popkultur-, Kultur- und Kreativschaffenden im Land ist durch Corona besonders prekär. In den zahlreichen Pressekonferenzen und Statements der Mitglieder der Landesregierung zur Aufklärung der saarländischen Bevölkerung über die getroffenen Maßnahmen werden völlig zurecht Branchen wie der Tourismus, die klassische Gastronomie, die Hotellerie oder der Bereich Automotive besonders gewürdigt; hier fehlt jedoch die ausdrückliche Nennung der Popkultur-, Kultur- und Kreativbranche, die von den berechtigten Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie an vorderster Front und unmittelbar bereits zu Beginn der Pandemie, in deren erster Phase, getroffen wurde. Künstler aller Art, Bands, DJs, das gesamte Livegeschäft mit Festival- und Konzertveranstaltern, Livespielstätten und Clubinhabern, Bookern und Eventgastronomen, Eventmedien, das gesamte Eventmanagement, außerdem Musik-Manager, Produzenten, Labels, Musikverlage, Buch- und Medienverlage, Tanzschulen, Fotografen und Kreativ-Agenturen und viele mehr, sie alle gehören zur lebendigen Popkultur-, Kultur- und Kreativszene unseres Landes, sie sind die bunte Klammer unseres gesellschaftlichen Lebens, sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Prosperität urbaner Räume, sie fördern die Identität der Region und bieten zugleich den stetigen, diversen, bunten, inhaltsstarken, emotionalen, inszenatorisch spannenden, großregionalen und internationalen Blick über den Tellerrand des Saarlandes hinaus. Aber: Sie sind auch ein bedeutender Standort- und Wirtschaftsfaktor des Landes! Dies wird umso deutlicher, wenn man berücksichtigt, dass viele weitere Berufszweige am erfolgreichen Wirken und Schaffen der Popkultur-, Kultur- und Kreativbranche mit verdienen wie etwa Bühnenbauer und -verleiher, Licht- und Soundtechniker, Gastronomen, Merchandising-Firmen, Kuriere, Promoter, Druckereien, Akteure der Tourismusbranche wie etwa Hoteliers und sonstige Servicedienstleister. Die Popkultur-, Kultur- und Kreativwirtschaft erwirtschaftet in Deutschland Milliardensummen. Entsprechend gehört die Popkultur-, Kultur- und Kreativwirtschaft unmittelbar auf den Schirm der politisch Handelnden.

Besonders betroffen von den Corona-Maßnahmen ist die Popkultur-, Kultur- und Kreativwirtschaft deshalb, weil a.) es sie am frühesten und unmittelbarsten getroffen hat, b.) die Einnahmen von 100 Prozent direkt auf null gefallen sind, sie c.) erst lange nach dem Ende der Pandemiezeit als letzte Branche den Betrieb wieder wird zu 100 Prozent zum Laufen bringen können und d.) die (unverschuldete) unternehmerische Struktur sie besonders anfällig macht: die Popkultur-, Kultur- und Kreativwirtschaft weist einen extrem hohen Grad von Unternehmen und Einzelpersonen auf, deren Arbeit schon zu Nicht-Corona-Zeiten in der Regel von hohen Ausfallrisiken und kleinen Einkünften geprägt war. Und durch die gegen die Pandemie getroffenen Maßnahmen und das Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens auf null von einem auf den anderen Tag stehen der für das Saarland so wichtigen Popkultur-, Kultur- und Kreativszene unzählige Insolvenzen und Totalverluste bevor! Passiert dies, wird sich die lebendige saarländische Kulturszene nach der Corona-Zeit massivst ausgedünnt haben.

Entsprechend erfordert die Erhaltung der Buntheit, Diversität und Vielfalt des kulturellen Lebens im Saarland, die Erhaltung des Kits, der unsere saarländische Gesellschaft zusammenhält sowie die Erhaltung der enorm starken Wirtschaftsbranche der Popkultur-, Kultur- und Kreativschaffenden zwingend eine umfassende, aus schnellen Hilfsprojekten (für Künstlerinnen und Künstler teils schon im Feld) sowie deutlich über die Krisenzeit hinausweisenden Konzepten und Maßnahmen bestehende Strategie zur nachhaltigen Unterstützung der Branche.

Sie haben sie als Kulturjournalist sicher bereits wahrgenommen oder für Ihre jetzigen Fragen recherchiert, ich habe Ihnen aber dennoch hier zusätzlich zur obigen Antwort die beiden Maßnahmen- und Forderungskataloge des PopRates angehängt, die Ihre Frage ausführlich beantworten.

 

Im Übrigen hat der PopRat gerade die Kampagne „#ohneuns“ im Feld, die auf die besonderes schlimme Lage der Veranstalter und Livespielstätteninhaber innerhalb der Kultur-, Popkultur- und Kreativschaffenden hinweist und Maßnahmen seitens der Politik verlangt. Denn ohne Veranstalter und Livespielstätten-Inhaber, die die Bühnen organisieren und/oder stellen und die Künstlerinnen und Künstler bezahlen, gibt es keine darstellende Kunst. Hier braucht es dringend Soforthilfe des Landes und einen umfassenden Dialog zur Rettung der Bühnen und Auftraggeber der darstellenden Künstlerinnen und Künstler.

 

Infos zur Kampagne selbst gibt´s auch auf der Startseite von poprat-saarland.de

 

  1. Welche Unterstützung durch die Landeshauptstadt hat die von Ihnen vertretene Popkultur bislang erfahren?

 

Die Landeshauptstadt hat zum einen – ähnlich wie das Land – einen Topf zur Förderung von Künstlerinnen und Künstlern aufgelegt, zum anderen aber auch nach intensiver Befragung der Szene – auch des PopRates und einiger seiner Mitglieder – ihre wichtige Verantwortung als Zentrum der Veranstalter- und Livespielstätten-Kultur und der darstellenden Kunst im Saarland wahrgenommen und einen zweiten Topf für Veranstalter und Livespielstätten-Inhaber geschaffen und steht mit diesen in stetem Dialog bezüglich weiterer Unterstützungen. Die Stadt hat also in zwei Richtungen schnelle finanzielle Hilfe geschaffen und bleibt gleichzeitig wegen weiterer Entwicklungen mit der Kultur-, Popkultur- und Kreativszene in engem Kontakt. Das ist vorbildlich, und das begrüßen wir sehr.

 

  1. Welche flankierenden Maßnahmen erwarten Sie künftig von der Landeshauptstadt?

 

Der Runde Tisch der Kultur-, Popkultur- und Kreativschaffenden, den Oberbürgermeister Uwe Conradt während der heißen Coronaphase per Videoschalte ins Leben gerufen hat, sollte eine Dauereinrichtung zum Dialog und zur Vernetzung werden. Hier könnten permanent Lösungen für jeweils anstehende Probleme der gesamten Saarbrücker Kulturszene erörtert werden.

 

Eine Erhöhung des Kulturetats wäre angesichts der sich wegen Corona sicherlich auch in den kommenden Jahren schwierig gestaltenden Situation der Saarbrücker Kultur- und Veranstalterszene angebracht. Über die Vergabe des jährlichen Fördertopfes für die freie Kultur-, Popkultur- und Kreativszene der Stadt sollte eine unabhängige Jury entscheiden, die alle zwei Jahre wechseln sollte. Und auch Veranstalter und Livespielstätteninhaber sollten künftig dort Projekte einreichen können. Entsprechend müssten dann natürlich die Förderkriterien an einen erweiterten, modernen, längst in der Realität gelebten Kulturbegriff angepasst werden.

 

  1. Und wie soll das bewerkstelligt werden?

 

Durch mutige politische Entscheidungen auf Basis des Dialogs mit den Kultur-, Popkultur- und Kreativschaffenden, der ja bereits erfolgreich losgetreten wurde.

 

Kategorien: Corona-Krise

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